Kaum hat die Klingel das Ende der grossen Pause angezeigt, stürmen die Kinder mit sichtbarer Aufregung und erwartungsvollen Augen zurück ins Schulhaus.
Die Antwort ist einfach: Es ist Spielmorgen.
Am Dienstag, 20. Januar, stand an der Primarschule Sissach wieder einer dieser besonderen Vormittage auf dem Programm, die seit mehreren Jahren fest zur Schulkultur gehören. Zweimal im Jahr rückt das Spiel bewusst ins Zentrum des Schulalltags.

Für zwei Stunden heisst es: spielen, entdecken, ausprobieren – und ganz nebenbei enorm viel lernen.
Das Angebot richtet sich an alle Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse. Alters- und klassenübergreifendes Spielen ist dabei ausdrücklich erwünscht. Die Lehrpersonen verfolgen damit ein klares Ziel: soziale Lernprozesse ermöglichen, die im klassischen Unterricht oft zu kurz kommen. Frustrationstoleranz, Kooperation, strategisches Denken, sich absprechen, gewinnen und verlieren, trösten und getröstet werden – all das sind zentrale Erfahrungen des Aufwachsens. Und kaum irgendwo lassen sie sich so authentisch üben wie im Spiel.
Die Auswahl ist gross: 18 Zimmer mit unterschiedlichsten Angeboten stehen offen. Beim Gummitwist kommen Kinder auf ihre Kosten, die Bewegung brauchen. In einem anderen Raum wird „Werwölfe“ gespielt – eine kommunikative Herausforderung, bei der genaues Zuhören und geschicktes Argumentieren gefragt sind. Mühle zieht Strateginnen und Strategen an, Montagsmaler begeistert kreative Köpfe, während Knobelspiele einen ruhigen Rückzugsort für Kinder bieten, die Konzentration ohne grosses Tohuwabohu suchen.
Im Kapla-Raum werden stolz die aus Holzplättchen gebauten Werke präsentiert. Zwei Kinder aus der 3. Klasse erklären mit leuchtenden Augen, dass sie ein McDonald’s mit Büroturm und Spielplatz gebaut haben. Gleich daneben plant eine Vierergruppe aus der 4. und 5. Klasse ein abstraktes Kunstwerk. Bevor auch nur ein einziges Holzplättchen bewegt wird, wird ausgiebig diskutiert: Wer baut was? Wie gross soll es werden? Was braucht es zuerst? Planung, Kommunikation und Kooperation werden hier ganz selbstverständlich trainiert – ganz ohne Arbeitsblätter.
Ein paar Schritte weiter arbeitet ein Mädchen aus der 3. Klasse konzentriert an einer «unmöglichen Treppe» - wie sie es nennt. Bereits zum achten Mal ist das Bauwerk eingestürzt. Doch Aufgeben kommt nicht in Frage. Was sie an diesem Morgen über Statik und Naturgesetze lernt, geschieht durch wortwörtliches Be-greifen: anfassen, ausprobieren, scheitern, neu aufbauen. Lernen mit Kopf und Händen zugleich.
Was aber nimmt eine Sechstklässlerin konkret aus diesem Vormittag mit? Die Antwort kommt prompt: „Leo hat mir tolle Tipps gegeben, wie man beim Mühle eine Falle aufbauen kann, damit man dann immer hin und her fährt und jedes Mal einen Stein wegnehmen kann.“ Ein anderer Schüler erzählt begeistert: „Ich habe Ligretto kennengelernt. Es ist ziemlich stressig, aber cool. Man muss sehr schnell reagieren und versuchen, alle Karten loszuwerden.“
Nach zwei Stunden neigt sich der Spielmorgen bereits dem Ende entgegen. Zurück bleiben müde, aber zufriedene Kinder – und die Erkenntnis: Spielen ist weit mehr als ein kindlicher Zeitvertreib. Es wurde verhandelt, diskutiert, geplant, gestritten, gelacht, versöhnt und gemeinsam Lösungen gefunden. Und das alles, ohne eine einzige Buchseite aufzuschlagen. Wie heisst es so schön?
„Das Spiel ist die höchste Form der Forschung.“ Albert Einstein
Text & Bild: Kevin Stieger
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